Mittwoch, 12. Februar 2003

Exkursion zum schwarzen Ungetüm

Dampfmaschine auf dem Gelände der ehemaligen Zuckerfabrik in Barth ist ohne Strom

Es ist eine außergewöhnliche Attraktion, über deren Wert man sich in Barth wohl noch gar nicht klar ist: Auf der Trümmerwüste der einstigen Zuckerfabrik steht eine komplette Dampfmaschine.

Barth (OZ) Ganz langsam beginnt sich der Kreuzkopf hinter einer Plexiglasscheibe zu bewegen, die Kolbenstangen flutschen nach vorn. Irgendwo zischt es, der Beharrungsregler dreht sich flink. Plötzlich rumpelt es am Schwungrad mit seinen über drei Metern Durchmesser. Das schwarze Ungetüm dreht sich–erst widerwillig, dann immer schneller. Seine 18 Polpaare am äußeren Rand rotieren, die Erregermaschine läuft, der Strom wird erzeugt.

Schüler schauen fasziniert auf die scheinbar vorsintflutliche Technik, und auch bei manch Erwachsenem glänzen die Augen: Hatte man doch seine letzte Begegnung mit einer Dampfmaschine einst in der Rühmann'schen „Feuerzangenbowle“ gehabt . . .

Stop! Noch ist das Szenario reine Fantasie. Bis sich Besucher aus nah und fern an der Schauvorführung einer einzigartigen Dampfmaschine erfreuen können, dauert es wohl noch. Doch die Voraussetzungen sind gegeben.

„In der Geschichte vom Faustkeil bis zum Computer nimmt die Dampfkraft einen wichtigen Platz ein“, sagt Siegmar Goretzki. Man glaubt es dem Diplom-Ingenieur aufs Wort, denn seine Liebe zum dampfenden Technikdenkmal auf dem Gelände der ehemaligen Zuckerfabrik sitzt tief. Er und noch ein paar „Verrückte“ gründeten 1999 die „Interessengemeinschaft Barther Dampfmaschinen“. Der Name besagt es: In der Stadt Barth gibt es sogar zwei echte Maschinen dieser Art, die erst kürzlich in dem 2002 erschienenen wissenschaftlichen Buch „Die Geschichte der Dampfmaschine“ dokumentiert wurden.

Die „Liegende Einzylinder-Gegendruck-Dampfmaschine“ in der Zuckerfabrik wurde 1925 gebaut und kam bereits zur Zuckerkampagne 1925/26 zum Einsatz. Sie erzeugte Strom, und das bis zum Ende des Betriebes. Der Schwungradgenerator wurde schon zu DDR-Zeiten unter Denkmalschutz gestellt. Sicher war sicher, denn der Schrotthunger der DDR-Wirtschaft konnte nie gestillt werden.

Als die Zuckerfabrik nach der Wende abgerissen wurde, hätte dies beinahe das Aus des einmaligen Denkmales bedeutet. Doch mehrere ABM-Projekte sowie die Interessengemeinschaft retteten das Wunderwerk der Technik. „Wir haben die Maschine so hergestellt, wie sie zur letzten Zuckerkampagne lief“, berichtet Siegmar Goretzki stolz.

Weniger stolz dürfte man in Barth auf hausgemachte Sorgen sein. So gibt es seit November des Vorjahres keinen Strom für das Technikdenkmal inmitten der Abbruchwüste. Und das heißt: Kein Licht, kein Betrieb der Entwässerungspumpen. Und schon gar keine Schauvorführungen, wie Goretzki sie sich vorstellt.

Trotzdem verlässt ihn und seine Mitstreiter, die ihre Interessengemeinschaft im Vorjahr in einen Verein umwandelten, der Optimismus nicht. Es gibt Kontakte mit der Fachhochschule Stralsund und für die Präsentation der Maschine viele Ideen.

Denn noch muss das gewaltige Schwungrad mit einem Eisenhebel und viel Kraft zentimeterweise bewegt werden, um das Wirkungsprinzip zu demonstrieren. Und noch verstecken sich Kolben und Pleuel hinter einer Metallverkleidung. Die geschichtliche Darstellung an den Wänden soll erweitert werden. Und ein Hilfsantrieb muss das Laufrad antreiben. Dann kann das was werden mit praxisnahem Unterricht und mit der Erinnerung an Barther Industriegeschichte.

Die Dampfmaschine liegt sehr versteckt. Dass sie nicht völlig vergessen wird, ist einigen Enthusiasten zu danken. Toll, wenn Bürger und Stadt Dampf machen würden, um endlich mit diesem tonnenschweren Pfund zu wuchern . . .

HANS-JOACHIM MEUSEL

 

 

 

Zwischen dem Kurbel- und dem Außenlager befindet sich der Schwungradgenerator mit einem Durchmesser von etwa 3,20 Meter.

 

 

Diplom-Ingenieur Siegmar Goretzki gründete mit weiteren Dampfmaschinen-Enthusiasten den Verein „Interessengemeinschaft Barther Dampfmaschinen“, zu dem sieben aktive sowie 15 fördernde Mitglieder gehören. Neue Interessenten sind immer willkommen.

 

 

Die Originalbeschilderung vom Hersteller Siemens-Schuckert und von Hanomag wurde leider gestohlen.

OZ-Fotos (3): HJM

 

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